Freitag, 14. Oktober 2011

Letterman trifft Maulkorb

Moritz7, Mitglied der Lesebühne »Letterman« und Silvio Colditz, Herausgeber der Literaturzeitschrift »Der Maulkorb« lesen im Rahmen der Ausstellung »Voyage Extraordinaire« [Art-Safari] von Irina Schatz und Ringo Köhler passende Kurzgeschichten und unangepasste Gedichte.

Musik: trans alp, der seine Zuhörer in elektronische Klangwelten verführen wird.

Wann? Mittwoch, 19.10., 20.00 Uhr
Ort? Krautwaldfabrik, Torgauer Straße 38

Es wird empfohlen einen warmen Pullover mitzubringen.

Der alte Punker

Es war noch gar nicht so lang her das ich den alten Punker das letzte Mal getroffen hatte. Ein paar Wochen vielleicht. Nicht lang genug wie ich fand. Ist er mir doch heute schon wieder über den Weg gelaufen.

Tach.“ sagte ich und, „Ach ja.“ der alte Punker.
Ich wollte keine all zu großen Vertraulichkeiten aufkommen lassen. Seine Gegenwart war mir zutiefst unangenehm. Zudem fiel mir ein, hatte ich unser letztes Gespräch komplett vergessen. Dieser Gedanke stimmte mich jedoch milde und ein wenig schuldbewusst, so dass ich um mit mir selbst ins Reine zu kommen schnell „Wie geht’s?“, fragte.
Ach, nee.“ sagte der mit seiner löchrigen Zunge.
Ja.“ sagte ich schnell.
Es ist wie es ist.“ sagten wir beide und so entstand schnell eine vertrauliche Stimmung.
Bier?“ fragte ich.
Kaffee?“ der alte Punker.
Wir nickten und gingen in ein Cafe an der Ecke. Ich war froh so schnell von der Straße wo man gesehen werden konnte wegzukommen. Er sah zwar nicht mehr so aus wie damals, aber vor meinen Augen hatte er sich nicht verändert.
Hey Moltke.“ strahlte die Bedienung den Alten Punker an, was mich daran erinnerte das er einen Namen hatte.
Guten Tag, schöne Frau.“ grinste der zurück.
Ich würdigte sie keines Blickes, als sie mir einen guten Tag wünschte.
Hier?“ fragte Moltke, auf einen freien Tisch zeigend.
Ja.“ zuckten meine Schultern. Es spielte keine besondere Rolle, da das Cafe leer war.
Wir setzten uns, Moltke bestellte einen Kaffee und ich ein Bier und dann schwiegen wir angespannt bis die Getränke kamen.
Der alte Punker rührte konzentriert in seinem Kaffee. Ich stürzte das Bier in einem Zug hinunter.
Wenn wir schon mal hier sitzen können wir uns auch unterhalten.“ sagte Moltke irgendwann.
Ich nickte stumm.
Was macht Vater?“ fragte Moltke und es klang als spräche er mit jemanden am Nachbartisch.
Sprechen wir nicht darüber. Er ist immer noch enttäuscht.“
Zwanzig Jahre könnten eine lange Zeit sein...“ sinniert der alte Punker.
Du hast ihn tief enttäuscht. Guck dich doch mal an, was erwartest Du?“ sagte ich schnell. Ich befand mich schon wieder in der Defensive. Ich befand mich immer in der Defensive. Aber das war auch kein Wunder. Ich bestellte noch schnell ein Bier gegen das Unwohlsein.
Durst?“ fragte Moltke. Ich antwortete nicht.
Die Bedienung flirtete aus der Ferne mit ihm, glaubte ich beobachten zu können. Ich stellte fest, dass mich das ärgerte. Sie war jung, blond, schön und er? Alt und verlebt, schlackerte die graue Haut um das klapperdürre Skelett. Aber die beiden lächelten verschwörerisch miteinander. Ich hatte genug. Wir waren mal gut miteinander ausgekommen, damals als Kinder. „Es ist wie es ist.“ Es ist lange her. Ich weiß nicht was passiert ist. Plötzlich war er verändert. Irgendwann hatte ich ihn nicht mehr verstanden. „Es ist wie es ist.“ sagte er damals und weg war er. Danach habe ich ihn lange nicht mehr gesehen. Erst als ich Jahre später in die Stadt zog bin ich ihm wieder begegnet. Unfreiwillig wie ich bemerken muss. Ich wollte eines der Kaufgewölbe betreten, als mich eine besoffene, heruntergekommene Gestalt um Kleingeld anbettelte. Der Anblick war schmerzhaft. Kein Vergleich jedoch zu dem Moment des Wiedererkennens. Ich wünschte mir, die Erde würde sich auftun und ihn darin verschlingen. Allein der Gedanke an diese Begegnung ließ mich erschaudern. Es war Zeit zu gehen.
Ich geh dann mal.“ sagte ich schwankend.
Anne und die Kinder? fragten seine Augenbrauen. 
Ich zuckte kurz zusammen. Ich muss sie wohl früher einmal erwähnt haben. Vielleicht war es aber auch nur das schlechte Gewissen meine Frau als Ausrede zu missbrauchen.
Ich nickte verlogen.
Bis denn.“ sagte er. Ich nickte und stürzte aus dem Cafe. Aus den Augenwinkel sah ich noch, wie sich die Bedienung zu ihm an den Tisch setzte. Ich stolperte über die Türschwelle nach draußen. Als ich aus dem Dreck aufstand, hörte ich sie noch fragen: „Wer war das denn, Dad?“

Samstag, 8. Oktober 2011

Elbe I

Später, bringt der Mond

die Stille der Sterne ans ruhende Flussufer
Einsam zirpt eine dagegen an
Das Wasser verliert Schwarz im Spiegel der Bäume
ein Fisch schnappt nach Luft
in der Ferne rattert ein Zug über meine Gedanken
die letzte Zigarette verglüht
ein kurzer Blitz am Nachthimmel

die Gräser freuen sich
auf den Morgentau



Freitag, 7. Oktober 2011

A.

Da du mir über den Weg gelaufen bist.
Bin ich stehen geblieben.
Und habe dir zugesehen und gehört was du zu sagen hattest
Es war schön dich anzusehen und interessant dir zu zuhören.

Es war ein von dir erbauter Tempel
in den du mir Einlass gewährtest
Ein perfektes Hologramm
Zwei Meter hoch in der Luft

Auf der Such nach dir
schritt ich hindurch
und prallte auf eine Mauer aus schmerzendem Nichts.